Morya , Der Tod ist dein Freund

Morya,

Der Tod ist dein Freund, ohne ihn trifft dich die Einsamkeit des Lebens.

(travisches Sprichwort)

Schon oft wurde in dieser einen besonderen Nacht, in der Nacht der Toten, ein kleines goldenes Lichtlein in den Grabhügeln rund um die Taverne „Zum fröhlichen Ferkel“ gesichtet. Ganz leise und sanft schwankt sie durch den Wind, ist mal zu sehen und mal verborgen hinter den hohen Grabhügeln der Ahnen und Urahnen. Eine alte Legende besagt, dass dieses kleine Irrlicht der Wegweiser von Morya ist, einer einsamen Frau, der Zeit ihres Lebens und Sterbens der Tod versagt blieb. Fragt man die Alten und Weisen der Dörfer, so wird man immer wieder die gleiche Geschichte von Morya und ihrem geliebten Mann zu hören bekommen. Eine Geschichte über eine Liebe, die stärker sein sollte als der Tod und doch durch ihn zerbrochen ward.
Morya und ihr Mann lebten auf einem Gehöft, verdienten ihr Geld mit der Schweinezucht und der Aussaat von Futterrüben, mit denen sie das eigene Vieh fütterten und die sie für gutes Geld verkauften. Kinder hatten sie keine, doch waren sie unzertrennlich und voller Liebe füreinander. Doch alsbald wurde ihr Glück getrübt von einem trockenen Husten, der die gute Morya Morgen für Morgen durchschüttelte und sie bis zum Abend begleitete. Ein herbeigerufener Medicus attestierte ihr die Schwindsucht. Sie solle sich bis zum Winter von ihrem Manne verabschieden und damit rechnen, ihre letzte Reise antreten zu müssen.
Voller Gram und irr von Verzweiflung suchten die Liebenden eine runzlige Hexe auf, die ein düsteres Ritual vollführte, um den Tod zu Verhandlungen zu rufen. Und wahrlich, kaum war der Schnitter aufgetan, begann Morya mit ihm um ihr Leben zu feilschen. Doch der Tod war unerbitterlich. So blieb der guten Frau nichts übrig, als ihren letzten Wunsch zu äußern. Mit einem liebevollen Blick auf ihren Mann, wandte sie sich dem Tode zu und bat ihn darum, das Ritualgeld für die Hexe zu verrichten, sodass ihr Mann nicht mit Schulden zurück bliebe. Da der Tod kein Geld bei sich trug, verwandelte er sich selbst in eine Münze, die sich in Moryas Hände legte. Listig steckte Morya die Todesmünze in ihr Unterkleid und verbarg sie vor den Blicken der gierigen Hexe. Dieser versprach sie, das Geld alsbald aufzubringen und das Ritual zu zahlen.

Doch in ihrem Glück und ihrer Liebe gefangen, vergaßen sie schon bald ihre Schulden bei der Alten und lebten ihr Leben wie in vergangenen Tagen. Sie ahnten nicht, dass der Gram der Hexe sich mehrte und diese Vergeltung suchte bei den Eheleuten, die sie um ihren Sold betrogen hatten. Erneut vollzog sie das Ritual, den Tod zu rufen und erlöste diesen damit aus der Verwandlung in die Münze. Voller Wut über den Betrug nahm der Schnitter das erste Leben, das sich ihm bot und streckte so die Alte nieder. Voller Gier nach Rache machte er sich auf den Weg zu Morya und ihrem Mann, um sie zu bestrafen. Auf dem Gehöft angekommen, streckte er einen knochigen Finger Richtung Morya und blickte sie mit kalten Augen an. „Meine Dienste bleiben dir verwehrt.“ Sprach er und verschwand in die Tiefen der Nacht. Morya aber war froh, den Tod überlistet zu haben und mit ihrem Mann ein langes Leben führen zu dürfen.

Einige Jahre später aber verstarb der Mann, er hatte einen Steilabhang übersehen und das Fuhrwerk genau in den Abgrund gesteuert. In einer liebevollen Zeremonie ließ Morya ihn in den sanften Gräberhügeln bestatten, kehrte nach Hause zurück und mischte sich ein Gebräu aus giftigen Kräutern und Pilzen, denn ohne ihren Mann wollte sie nicht sein. Sie trank die tödliche Mixtur, legte sich nieder und wartete auf den Tod. Ihr Körper wurde schlaff und kalt, gab alles Leben auf, doch der Schnitter ließ sich nicht blicken. Voller Angst dachte Morya an seine Drohung, ihr seine Aufgabe nicht zuteil kommen zu lassen und erschrak bei dem Gedanken, ihrem Mann nicht in die Anderswelt folgen zu dürfen. Gepeinigt von Angst und Wut rief sie nach dem Tod, befahl ihm, zu erscheinen und bettelte um seinen Dienst. Und wirklich, bald schlich ein dunkler Schatten heran und zeigte sich als Schnitter. Doch ließ er sich nicht beirren und verwehrte Morya den Eintritt in die Anderswelt. Er verdammte sie zur ewigen Suche nach ihrem Mann oder einer Möglichkeit, doch noch die Grenze übertreten zu können. Einzig eine Futterrübe, die er auf dem Hof aufgeklaubt hatte, schenkte er ihr mit einem kleinen Licht darin, damit sie nicht den Weg verliere.

Seitdem, so heißt es in den travischen Landen, zieht Morya herum, auf der Suche nach dem Tod oder einem Übergang in die Anderswelt. Und einmal im Jahr, am Todestag ihres Mannes, kehrt sie zurück zu den Hügelgräbern nahe der Taverne, in der Hoffnung dort auch nur einen einzigen Blick auf ihren geliebten Gatten erhaschen zu dürfen und leuchtet den Weg mit einer kleinen Laterne aus einer Futterrübe. Denn an diesem Tag, der fortan dem Tod gewidmet war, senkt sich der Schleier zur Anderswelt weit genug, dass man eine Ahnung von der anderen Seite zu erhaschen vermag.

 Tavernenabend-14-11-2015-Bilder Morya